Die Ruhe in der Photographie

„Über die Ruhe in der Fotografie“ war der Titel einer Glosse von mir, die im April 1997 für die Zeitschrift PHOTOGRAPHIE erschienen ist. Wenn ich die heute wieder lese, kommt Sie mir vor wie der Entwurf für ein Manifest der Gruppe „Analoge Photographie und Print-Techniken“  zur der Kristof Lemp mich Ende letzten Jahres mitgenommen hat (siehe Blog-Eintrag vom 29.12.2009). Sobald ich das Manuskript irgendwo finde, stell ich es hier rein, oder ich frage Angela, ob Sie es mir abschreibt.
Schneller als gedacht hier der Text (vielen Dank an Kristof fürs Abschreiben):

Aufhören, Sofort aufhören!

Über die Ruhe in der Fotografie

Mir geht alles viel zu schnell, und mich nerven all die schlechten Bilder. Jeder glaubt etwas über Fotografie sagen zu können, und jeder will seine Bilder ausstellen. Eine lange Liste mit Ausstellungen, getrennt nach Einzel- und Gruppenausstellungen, scheint wichtig für die Biographie zu sein, und jede Ausstellung wird aufgezählt, egal wo sie stattfand.

Ich habe viele Ausstellungen und viele Bücher über Fotografie gesehen und habe mir damit den Blick geschult und die Lust am Bild. Wenn die Fotografen intelligent sind, haben sie oft auch interessante Texte geschrieben, die spannender sein können als die Begründung, warum man es für bedeutsam hält, die Iris, Hände und Gesichter kreativer Menschen fotografisch zu sammeln.

Ein befreiendes Zustimmen überkam mich, als ich las, was der große alte Stefan Moses vor einigen Jahren in einem Interview auf die Frage antwortete, welchen Rat er jungen Fotografen heute geben würde: „Aufhören, sofort aufhören mit dem Fotografieren! Es sind schon zu viele Bilder gemacht. Also aufhören – oder wenigstens lange Pausen machen.“ Ich schlage vor dass man sich in den in den langen Pausen Zeit nimmt, um die Bücher und Ausstellungen großer Meister der Fotografie anzuschauen.

Beispielsweise Robert Doisneau im Düsseldorfer Kunstverein. Doisneau war ein Meister der Geduld und Beobachtung, beides Eigenschaften, die auch der Ruhe kommen. Er beschreibt folgende Situation, die er beim Fotografieren erlebte: „Still zu stehen, mitten unter Menschen, die nach allen Seiten laufen, ist ein verdächtiges Verhalten. Eines Tages, als ich so stand, habe ich das begriffen. Ein Unbekannter flüsterte mir ins Ohr: „Du willst wohl ein Ding drehen? Ich bin auch aus dem Knast!““ Denkpausen in der Politik oder bei einer Diskussion gelten als Eingeständnis von Schwäche. Ein „Verein zur Verzögerung der Zeit“ wurde deshalb tatsächlich schon vor einigen Jahren in Österreich gegründet. Wenn man heute etwas mit Bedacht tut, halten einen andere schnell für alt, behindert oder sonstwie beschränkt.

Mich hat es immer genervt, wenn jemand wissen wollte, welche Kamera und Blende ich denn bei welcher Belichtungszeit nehme. Ob jemand gute Bilder macht, das ist keine Frage der Technik. Dass man eine lange Belichtungszeit wählt, um Schnelligkeit und Eile im Foto auszudrücken, ist eigentlich ein Paradox.

Die Puritaner der Technik, ob sie nun aufs Digitale, oder auf die kleine oder mittelgroße legendäre Kamera oder auf die Großbildkamera abfahren, haben von der wahren Fotografie nichts begriffen. Da ist mir der Knipser lieber, der einfach nur abdrückt und seinen Film in den Fotoladen bringt. Der Profi, der sein Geld mit der Fotografie verdient, sei hier auch verschont. All denen, die auf Geschwindigkeit in der Fotografie stehen, empfehle ich eine Mitgliedschaft in der Lomographischen Gesellschaft, das ist so etwas wie ein ADAC für Knipser, mit umfassender Philosophie und für die Macher aüßerst lukrativ. Die stellen übrigens jedes Foto aus.

Im Wilhelm Fink Verlag ist ein Katalog erschienen mit dem interessanten Titel: „Das große stille Bild“. So wie der Ängstliche im dunklen Wald pfeift, so wird hier in einer durch zu viel Fernsehen geschulten stakkatoartigen Sprache über die Angst des klassischen Kaninchens vor der digitalen Schlange geredet, und das wird illustriert mit vielen hektischen, kleinen Bildern und grauen Flächen.

Aber Horst Wackerbarth schreibt in seinem Beitrag, das der „hochwertige Abzug von Hand, archivfest aus Silbergelatine oder in Platin-Palladium, eine zeitgemäßere magische Aura entfaltet als Öl auf Leinwand.“ Genau das habe ich bei der Doisneau-Ausstellung gespürt, und das gefällt mir. Ich habe keine Angst vor neuen Kameras, und die letzte photokina hat mir Spaß gemacht. Das schönste Foto der Welt hängt sowieso über meinem Schreibtisch und zeigt eine Rückansicht unseres ungeborenen Kindes in Form eines digitalen Ausdrucks auf Thermopapier.

Wie lange die alten Techniken von der Industrie noch bedient werden, ist mir egal, solange meine Kameras funktionieren und ich das Prinzip der camera obscura nicht vergesse. Ich kenne einen, der würde sich auch die Emulsionen selber herstellen und auf Träger gießen, wenn es keine SW-Filme oder Barytpapiere mehr gäbe.

Die meisten wissen, daß ein Bild, das nicht ausfixiert ist, schneller verblasst. Genauso verblasst die Beobachtungsgabe und Neugierde bei denen, die nicht die Zeit nehmen, in Ruhe hinzuschauen.

Also fotografieren Sie, womit sie wollen, aber lassen Sie sich Zeit und machen Sie bloß nicht gleich eine Ausstellung mit Ihren Bildern.

Christoph Rau

Christoph Rau hat das Fotografieren von seinem Vater Hans Jürgen Rau gelernt, ist seit 1984 Mitglied im Deutschen Journalistenverband und seit 1987 in der Deutschen Gesellschaft für Photographie (DGPh). Daneben verfasst Rau auch Beiträge für die PHOTOGRAPHIE.

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Erschienen in PHOTOGRAPHIE 4/97

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